U.T. Lichtspiele (Union Theater)

Eingang des U.T., Foto 1913.

Eingang des U.T. Regina um 1913.

Eingang des U.T. mit Publikum, Foto 1913.

Zuschauersaal des U.T., Foto um 1920.

Zuschauersaal des U.T. mit Blick zur Bühne, Foto um 1913.

Zuschauerrang im U.T., Foto 1913.

Der Grundriss des Erdgeschosses zeigt deutlich, wie sich der hufeisenförmige Kinobau des U.T. in einen Innenhof einfügt. Die Waisenhausstraße verläuft am oberen Bildrand.

Das vom Dresdner Architekten Martin Pietzsch errichtete 'U.T.' war mit 1120 Sitzplätzen das erste Großkino der Elbmetropole. Der Baukörper befand sich in einem Innenhof und war durch einen längeren Gang mit der Eingangshalle in der Waisenhausstraße 22 verbunden. Als Reminiszenz an die Theaterarchitektur besaß der Kinosaal Rang- und Seitenlogen. Seinen hufeisenförmigen Innenraum im Stil der Reformarchitektur bestimmten die Farben Gold, Grün und Schwarz. Die Konstruktion aus Eisenbeton wurde beim Bombenangriff am 13. Februar 1945 nicht vollständig zerstört. Doch anstatt das Kino, wie ursprünglich geplant, wieder aufzubauen, verfügten das Zentralplanungsbüro und der Rat des Bezirkes Dresden 1964 die Beseitigung der Ruine. Die Eröffnungsanzeige in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 2. 3. 1913 ist ebenfalls durch die Sammlung Ott überliefert: "Das neue Lichtspielhaus in der Waisenhausstraße wurde gestern Abend eröffnet und bot seinen geladenen Gästen manche angenehme Überraschung. Zunächst ist es als Theaterbau reizend, vielleicht gar zu preziös. Der Zuschauerraum wurde auf den Dreiklang Gold-Schwarz-Grün abgestimmt. Das Gold überwiegt weitaus, da der Plafond, die Säulen und die Wände bis zu der schwarz polierten Holztäfelung gleißen und strahlen. Dem anheimelnden Raum nach wäre ein solches Theaterchen auch für regelrechte Kammerspiele geeignet, nur dass das viele Gold dann geradezu ablenkend wirken würde. Jetzt stören wohl nur die grünen Lichter in den Logen durch ihre Grellheit. Sie passen zwar äußerlich zu dem grünen Fond und den grünen Überzügen der Sitze, stehen aber im Vergleich zu der Stofffarbe zu stark in die Augen. Es gibt hier also Logen wie in einem Normaltheater, es gibt unten für 750 Personen Plätze, das Orchester ist tiefgelegt, in feiner Abstufung leitet die Proszeniumsarchitektur zur Bühne mit der Bildwand über, der Foyergang prunkt in grauem Marmor und Spiegelscheiben, kurzum, die künstlerischen Entwürfe von Martin Pietzsch haben sich vorzüglich bewährt, und wie ein apartes Bijou steht dies neue Theater da. Man befreundete sich rasch mit dem intimen Raume und erwartete den Prolog. Der Direktor begrüßte die Gäste und entschuldigte sich, dass Herr Albert Paul, Hofschauspieler a. D., der den Prolog zu sprechen habe, noch nicht da sei. Nun, das war nur ein Trick. Denn es sollte kinematographisch gezeigt werden, wie Herr Paul ins Theater gelange. Der erste Film rollte ab: Herr Paul kam auf dem Hauptbahnhof an, fuhr ins Hotel, ging dann ein wenig spazieren, traf auf der Brühlschen Terrasse einen Bekannten, mit dem er das Elbpanorama betrachtete, eilte darauf, sich umzukleiden, fuhr ins Theater, wurde durch das Haus geleitet, bis er - nun löste die Wirklichkeit das Bild ab - an der Rampe stand. Er begann einen witzigen, reich pointierten Prolog von Ernst v. Wolzogen zu sprechen. Immerhin, zu sprechen, denn diesmal fehlte das Wort im Kino nicht. Eine amüsante Verteidigung des Kientopps ward da in Versen losgelassen. „Ganz objektiv ist nur - das Objektiv“ ... bis sich von einer Loge aus ein „Missvergnügter fremder Herr“ einmischte und gegen Übertreibungen protestierte. „Die Seele fehlt bei diesen Hexereien!“ rief er. Und bekam zur Antwort „Für 50 Pfennig will der Herr noch Seele?!“ Ja sogar an Seele mangele es dem Kientopp nicht ganz. „Zeitspiegel sein, das ist sein Daseinsgrund“, worauf der Missvergnügte sich beruhigte und der Prologus schließlich noch vom Kino sagen konnte; „Zwar ist es nur im Finstern zu genießen, allein sein Wahlspruch heißt: Es werde Licht!“ Sogleich diese unterhaltsame Einleitung brachte, obwohl Herr Paul sich beträchtlich soufflieren lassen musste, behagliche Stimmung. Eine Reine glänzender; spannender Aufnahmen folgte. Dann der Bassermann-Film der in Berlin Sensation gemacht hat und hier schon besprochen wurde. Der Erfolg war nicht so stark wie beim folgenden Clou: dem Scott-Film. Der kinematographische Operateur H. J. Ponting hat bekanntlich die Südpolarexpedition Kapitän Scotts begleitet und ist bei der ersten Rückkehr der „Terra Nova“ wieder zurückgekommen. Den ersten Teil der Forschungsreise, die später so unglücklich verlief, konnte er so aufnehmen. Diese Hälfte allein ist wahrhaft interessant genug! Die „Terra Nova“ dampft südwärts durch das Meer, in dem man den Rücken eines Riesenwals auf- und untertauchen sieht. Sie kommt im ewigen Eis an. Robben spielen im Schnee und werden erlegt, die drolligen Pinguine wandern, Eisenten baden in einer Lache. Die Biologen Nelson und Lilie treiben Tiefseeforschung mit Netzen und Sonden. Dr. Simpson lässt einen Ballon auffliegen, um die Strömungen in den höheren Luftregionen zu beobachten, zwei Geologen ersteigen mit Pickeln einen Gletscherberg, die Schlitten werden zum Vorstoß gegen den Südpol bepackt, die Hunde und die Ponies angeschirrt, die Motorschlitten in Bewegung gesetzt, der rauchende Vulkan Erebus wird betrachtet, Scott und seine drei Gefährten ziehen nach dem Untergang der Tiere selbst mühevoll ihren Schlitten, machen halt, errichten ein Zelt, kochen ihre „Hoosch“-Suppe, wickeln sich in Schlafsäcke, schmiegen sich aneinander, um zu übernachten. Diese letzte Aufnahme soll in demselben Zelt, unweit der Proviantstelle, gemacht worden sein, wo Scott und seine Begleiter den Tod fanden. Keine Erinnerung kann so ergreifend sein, keine Schilderung den Eindruck unsäglicher Mühen und erschöpfender Schwierigkeiten, aber auch planvoller und bedeutsamer Tätigkeit geben, wie Pointings Film sie gibt. Hier lebt die Realität nochmals auf. Der Direktor der Treptow-Sternwarte in Berlin, Dr. F. S. Archenhold, leitete die Bilder mit einem kurzen instruktiven Vortrag ein und begleitete sie mit Erklärungen. Es war der Gipfel des Programms. Mitternacht näherte sich, als die Eröffnungsvorstellung zu Ende ging. So hätten wir zu der Anzahl ausgezeichneter Kinobühnen nun auch eine hinzubekommen, die eine „literarische“ Versprechung bedeutet. Die Konkurrenz wächst. Damit kann das Publikum nur zufrieden sein. Wo Wetteifer ist, dort bessert sich die Qualität."

Kino-Typ: Kinobau

Ehemalige Adresse: Waisenhausstraße 22, Dresden

Hinweise zur Lage: Integriertes Kino

Hinweise zur Technik: Parkett 769 Sitzplätze, Rang 232 Sitzplätze, eigenes Orchester, Orchestergraben für 25 Musiker

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Bildnachweise

(Bild 1) Eingang des U.T., Foto 1913. // Stadtwiki Dresden // CC BY-NC-SA 2.0 DE

(Bild 2) Eingang des U.T. Regina um 1913. // Stadtwiki Dresden // CC BY-NC-SA 2.0 DE

(Bild 3) Eingang des U.T. mit Publikum, Foto 1913. // Kinowiki von Lutz Laber // CC BY-SA 3.0

(Bild 4) Zuschauersaal des U.T., Foto um 1920. // SLUB/Deutsche Fotothek // df_hauptkatalog_0186928

(Bild 5) Zuschauersaal des U.T. mit Blick zur Bühne, Foto um 1913. // Stadtwiki Dresden // CC BY-NC-SA 2.0 DE

(Bild 6) Zuschauerrang im U.T., Foto 1913. // Stadtwiki Dresden // CC BY-NC-SA 2.0 DE

(Bild 7) Der Grundriss des Erdgeschosses zeigt deutlich, wie sich der hufeisenförmige Kinobau des U.T. in einen Innenhof einfügt. Die Waisenhausstraße verläuft am oberen Bildrand. // Hans Schliepmann, Lichtspieltheater. Eine Sammlung ausgeführter Kinohäuser in Gross-Berlin, Berlin 1914

Literatur

(1) Sammlung Heinrich Ott // Seite 114

(2) Adressbuch für Dresden und seine Vororte. Bearbeitet und herausgegeben von der unter Verwaltung des Rates zu Dresden stehenden Buchdruckerei der Dr. Güntzschen Stiftung, Dresden 1906–1943/44. // Seite 1914-1943/44

(3) Der Dresdner Architekt Martin Pietzsch, hg. von Anne Claußnitzer unter Mitarbeit von Gernot Klatte, Dresden 2016. // Seite 11, 13, 58-63

(4) Heinz Fiedler, Vom Kintopp zum modernen Lichtspielhaus, in: Dresdner Geschichtsbuch Bd.1, Dresden 1995, S. 151-169 // Seite 152

(5) Carola Zeh, Lichtspieltheater in Sachsen. Entwicklung, Dokumentation und Bestandsanalyse (Ex Architectura. Schriften zu Architektur, Städtebau und Bausgeschichte, Bd. 2), Hamburg 2007 // Seite 193

(6) U.T., in: www.filmtheater.square7.ch

(7) Carola Neumann: Von der Schaubude zum Kristallpalast. Kinoarchitektur in Dresden, in: Kinos, Kameras und Filmemacher. Filmkultur in Dresden (Dresdner Hefte. Beiträge zur Kulturgeschcihte 23 Jg. Heft 82, 2/2005, S. 25-33. // Seite 26 f.

(8) Umbau und Erneuerung der U.T.-Lichtspiele, in: Dresdner Jahrbuch und Chronik 28/29 (1937/38) // Seite 144-147